Samstag, 31. Juli 2010

Die Welt der Habsburger – Herausgegeben von Dietmar Pieper und Johannes Salzwedel

Habsburger

Die Habsburger haben zu ihren besten Zeiten (so um 1550) grosse Teile Europas beherrscht. Nicht ohne Grund lautete der offizielle Titel von Karl V folgendermassen:

Karl V., von Gottes Gnaden erwählter Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, in Germanien, zu Spanien, beider Sizilien, Jerusalem, Ungarn, Dalmatien, Kroatien, der Balearen, der kanarischen und indianischen Inseln sowie des Festlands jenseits des Ozeans König, Erzherzog von Österreich, Herzog von Burgund, Brabant, Steier, Kärnten, Krain, Luxemburg, Limburg, Athen und Patras, Graf von Habsburg, Flandern, Tirol, Pfalzgraf von Burgund, Hennegau, Pfirt, Rousillion, Landgraf im Elsaß, Fürst in Schwaben, Herr in Asien und Afrika..”
Quelle: Wikipedia

Waren die Habsburger also die Vordenker einer europäischen Union inkl. Osterweiterung? Wen wundert es dann, dass die schweizerischen Eidgenossen schon damals alles dransetzten, diese Adligen aus ihrem habsburgischen Heimatkanton, dem Aargau, zu vertreiben. Die Ausschaffung hatte letztendlich den Vorzug, dass die Eidgenossen aus der europäischen Geschichte verschwanden, während die umliegenden Länder immer mal wieder in den Brennpunkt gelangten. Das ist bis heute eigentlich so geblieben, wenn man mal von Pressewirbeln um Steuersünderkarteien, Minarettverboten oder anderen merkantilistischen oder faschistischen Tendenzen absieht. Derzeit hetzt die SVP mal wieder extrem gegen Ausländer, ts, ts, ts…, da lernt mein Browser das Kotzen.

Wenn man von den Habsburgern spricht, sollte man auch nicht das Paneuropäische Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze 1989 vergessen, das sicherlich einen wichtigen Teil zum Fall der Mauer beigetragen hat. Apropos europäische Habsburger Union: hätten die dem Beitritt der Türkei  zugestimmt, nachdem sie sich mit den Osmanen vor Wien zweimal (1529 und 1683) herumschlagen mussten? Vermutlich sogar ja.

Das Spiegel-Buch “Die Welt der Habsburger” ist eine Sammlung von Aufsätzen mehrerer Autoren und beginnt mit der Geschichte über Rudolf I. (König seit 1273) und endet mit dem Regierungsverzicht Karl I. im Jahre 1918. Lebendig werden die ersten etwa 600 Jahre beschrieben, bis es dann in den letzten Kapiteln manchmal ins Philosophische abwandert und der grosse Plan der etwa 650 Jahre des Hauses Habsburg zusammenfassend skizziert wird. Interessant ist das Interview, das die Herausgeber mit Karl von Habsburg über Hausgesetze, visionäres Rittertum und die politisch-moralische Verpflichtung seiner Familie führen.

Am Ende des Buches hat man den Eindruck, dass viele habsburgisch geprägte Teile Europas kulturell zusammengerückt sind. Gibt uns die österreichische Geschichte eine Chance der kulturellen Versöhnung zwischen Ost- und Westeuropa?

Ein lesenswertes Buch, das ich mit 5 von 5 Sternen bewerten möchte.

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Samstag, 24. Juli 2010

Die Wunder des Morgenlandes – Ibn Battuta

IbnBattutaViele haben sicherlich schon vom venezianischem Marco Polo gehört, der Ende des 13. Jahrhunderts umfangreiche Reisen nach Asien gemacht hat. Weniger bekannt sind der marokkanische Ibn Battuta aus Tanger und der florentinische Mönch Johannes de Marignolli, die ebenfalls, jedoch im zweiten Drittel des 14. Jahrhunderts, bis zum Kaiser von China vorgedrungen sind (sein wollen?). Ich kannte die beiden letzteren jedenfalls nicht und bin eher durch Zufall auf sie gestossen.

Ibn Battuta’s Bericht wurde im 17. Jahrhundert von dem syrischen Gelehrten Muhammad ibn Fath Allah al-Bailuni zusammengefasst und bildet die Grundlage zu diesem Buch.

Der Autor Prof. Ralf Elger (Arabisitik und Islamwissenschaft Uni Halle-Wittenberg) hat die al-Bailuni Fassung ins Deutsche übertragen, umfangreich erläutert und in einem Nachwort kommentiert. Hat Ibn Battuta die Reisen wirklich durchgeführt oder hat er Texte seiner o.g. Kollegen kopiert und für seine Zwecke verwendet. Haben Polo und Marignolli vielleicht auch nicht immer die Wahrheit gesagt? Welches Motiv sollten Ibn Battuta und seinen Sekretär Muhammad ibn Dschuzayy zum Betrug getrieben haben? Wurde sogar von der noch älteren Sindbad-Geschichte abgekupfert?

Während der Battuta-Text, wegen der Nennung der vielen Namen von seinerzeit schon verstorbenen oder damals noch lebenden Personen, streckenweise sehr langatmig ist, so sind die Erläuterungen im Anhang und speziell das Nachwort wichtig zum Verständnis und lesenswert.

Unten habe ich zwei Karten aus dem vorliegenden Buch abgebildet, die einen recht guten Eindruck über die wohl 120.000 km lange Reise in 28 Jahren wiedergeben.

Das Buch ist schon etwas Ausgefallenes, erreicht bei mir jedoch leider nur 3.5 von 5 Sterne.

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Wiki Links
- Marco Polo (Reisen 1271-1295),
- Ibn Battuta (Reisen 1325-1353),
- Johannes de Marignolli (Reisen 1338-1353)
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Donnerstag, 22. Juli 2010

Die Geschichte des Edgar Sawtelle – David Wroblewski

Uff, gerade eben habe ich das Buch abgeschlossen, nur um mich gleich hinzusetzen und den Review zu schreiben.Sawtelle

Begonnen habe ich das Buch vor etwa zwei Wochen. Anfangs habe ich mich sehr über die Sprache gefreut (Lob an die Übersetzer Barbara Heller und Rudolf Hermstein!) David Wroblewski skizziert schöne Bilder, wie mit einer Kamera aufgenommen. Sehr einfühlsam zeichnet er die verschiedenen Charaktere.

Nach den ersten paar Dutzend Seiten habe ich dann begonnen auf den buchrückenseitig versprochenen Mord zu lauern… und der kam und kam nicht. Man hätte den Mord auf dem Buchrücken lieber nicht ankündigen sollen. Das Lauern hat nur den Genuss gestört.

Ja, und dann war der Mord endlich geschehen, jedoch ohne Zeugen, ohne Hinweise, ohne dass irgendjemand auch nur einen Mord vermutet hätte. Das ist eigentlich keine schlechte Idee. Da Edgar jedoch vor dem Mörder fliehen soll (so der Buchrücken), muss er ja wenigstens einen Verdacht bekommen… und hier war der Moment, wo ich das Buch beinahe in die Ecke gepfeffert hätte. Der Moment, wo ich innerlich mindestens 3 Sterne abgezogen hätte. Lernen Schriftsteller sowas nicht? Wenn ich einen Helden in eine verfahrene Situation bringe, aus der er sich nicht mehr befreien kann, dann darf man doch nicht einfach eine gute Fee, Ausserirdische oder ein SWAT-Kommando aus dem Nichts zaubern. Ts, ts, ts!

Nunja, nachdem diese frustrierende Durststrecke überwunden war, habe ich das Buch dann doch noch zu Ende gelesen.
Das Finale, ein klassischer Showdown, kam für mich dann doch etwas unerwartet… vermutlich, weil ich die Zeichen nicht richtig gedeutet hatte bzw. die Logik des Autors noch nicht verinnerlicht hatte. War dieses Ende nötig? Ach was, Ende ist Ende.

Summa summarum hat die Geschichte des Edgar Sawtelle mich doch sehr berührt und es damit immerhin noch auf 4 Sterne von 5 geschafft.
Bestseller in US? Naja, vielleicht. Bestseller in Europa? Nie und nimmer.

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Homepage des Autors

Sonntag, 18. Juli 2010

Heimat Mensch: Was uns alle verbindet – Christoph Antweiler

Wir alle tendieren dazu nach Unterschieden zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen zu suchen und verbinden dies auch gerne mal mit einer Wertung. So entstehen schnell Hackordnungen zwischen Zugezogenen untereinander und mit Einheimischen. Findet man nicht ausreichend Anlass, um Menschen bekannter Kulturen auszugrenzen, so schafft man sich “ethnische” Gruppen, wie z.B. Raucher, Rentner, Emos, Frauen/Männer, Schwule, Banker, Katholiken/Reformierte u.v.a. auf denen man dann herumhacken kann.

HeimatMenschDoch weil wir uns alle nicht so sehr unterscheiden, bemühen wir uns vielleicht erst Recht Unterschiede herauszustellen. Viele Menschen suchen förmlich nach Abgrenzung. Christoph Antweiler versucht mit seinem Buch die Gemeinsamkeiten von Menschen aus unterschiedlichen (auch weit entfernten) Kulturkreisen aufzuzeigen. Natürlich kommen dabei auch wieder jede Menge Unterschiede zu Tage. So ganz ohne, geht es wohl auch nicht.

Ein Abschnitt des Buches widmet sich der Verständigung und der Universalität von Begriffen und Gestik/Mimik. Diese Thematik hat mich am meisten angesprochen, da ich es faszinierend finde (und bei eigenen Reisen selbst erlebt habe), dass man bei entfernten Kulturen die Gestik und Mimik der Menschen doch recht zuverlässig interpretieren/verstehen kann, auch wenn man die Sprache nicht versteht.

Das Buch habe ich locker und entspannt, fast nebenbei, lesen können. Christoph Antweiler schreibt verständlich und unkompliziert. Selbst mein Sohn, der lieber Fantasy-Geschichten liest, hat in Ermangelung anderer Bücher mit grossem Interesse die ersten ca. drei Dutzend Seiten gelesen. Anschliessend haben wir diskutiert, ob der Beruf des Ethnologen nicht eine neue Alternative zu bisherigen Berufswünschen (Spieleprogrammierer) wäre. Ein beachtlicher Erfolg, Prof. Antweiler!

Leider erreicht “Heimat Mensch” nicht ganz meine Top 10-Liste. Mit 4.5 von 5 Sternen kann ich das Buch jedoch jedem Interessierten weiterempfehlen.

Links
Das Buch bei Amazon
Prof. Dr. Christoph Antweiler unter Wikipedia und Uni Bonn
Interview mit dem Autor

Samstag, 17. Juli 2010

Die letzte Flut – Stephen Baxter

Schon im letzten Jahr habe ich ein Sommerbuch gehabt (Terror von Dan Simmons). Dieses Jahr ist “Die letzte Flut” mein Sommerbuch.

Das Wasser der Meere steigt; steigt schnell, steigt stetig, steigt über alle vernünftigen Grenzen.
Ein Meter, fünf Meter, 80, 200, 800 Meter und am Ende von 1800 auf 8800 Meter… blubb, alles weg – innerhalb von nur 36 Jahren.
Sehr erfrischend bei der Gluthitze dieses Sommers ;-)Baxter Flut

Wie in allen mir von Stephen Baxter bekannten Büchern, passieren Dinge nicht einfach so, sondern es gibt einen wissenschaftlich sorgfältig recherchierten und ausgearbeiteten Hintergrund. Diese Flut ist nicht etwa eine Folge der derzeitigen Klimaänderungen, die angeblich durch anthropogene CO2-Emissionen (und anderer Treibhausgase) verursacht werden, sondern hat einen interessanteren, komplexeren Hintergrund… und die Flut macht auch noch lange nicht Schluss, wenn alles Eis der Pole geschmolzen ist.

Die Ursachen der Flut, die erst am Ende des Buches - eher philosophisch - erläutert werden, sind jedoch nicht so wichtig. Vielmehr geht es hier um die Reaktion der Menschheit auf dieses Ereignis. Regierungen wollen das Ausmass erst nicht erkennen und handeln (wie immer) dumm und zu spät. Gruppierungen schotten sich mit ihren verbliebenen Ressourcen ab, trockene Flecken und letzte Zufluchten werden hart umkämpft, Schutz- und Rettungsmassnahmen werden zu spät ergriffen. Nicht nur einzelne Regionen sind gefährdet, nein, die ganze landgebundene Fauna und Flora ist vom Aussterben bedroht… dazu gehört auch die Menschheit.

Einer der Protagonisten des Buches ist Nathan Lammockson, ein Milliardär und Visionär, der die Gefahren der Flut frühzeitig erkennt und Massnahmen ergreift, die nachhaltig der Rettung des globalen Genmaterials dienen. Da darf er sich auch mal die ein oder andere egoistische Freiheit herausnehmen. Den Charakter Nathan’s finde ich so erstklassig gezeichnet, dass ich das erste Mal in meinem Leben verstanden und gefühlt habe, was ein Visionär tatsächlich ist… damit meine ich nicht Visionäre, wie sich Manager, Politiker oder Banker gerne selbst bezeichnen, sondern echte Visionäre, wie man vielleicht von Steve Jobs behaupten könnte

Herrlich sind dann auch die Szenen zum Schluss des Buches. Zum Beispiel, wenn einem Kind, das kein Konzept für “festes Land” hat, erzählt wird, dass man jetzt über Indien (6000 Meter unter uns) reiste (na und?)… oder wenn Navigationsmethoden beigebracht werden sollen, wo doch die Erde nur noch eine reine Wasserkugel ist… wozu, hä?

Während des Lesens musste ich immer wieder an den Film “Waterworld” von und mit Kevin Costner denken. Dieses Buch könnte die Vorgeschichte zu dem Film sein. Wobei man im Nachhinein sagen kann, dass Baxter seine Sache besser zu Ende gedacht hat – obwohl ich Waterworld sehr gerne gesehen habe.

Das Geschichte ist spannend erzählt, in sich schlüssig… und konsequent bis zum letzten Blubb.
Mit 4.5 von 5 Sternen erreicht “Die letzte Flut” noch nicht ganz meine Top-10. Das Buch bleibt jedoch empfehlenswert für alle Science-Fiktion oder Endzeit-Genre Fans. Ein Buch, das ich nur ungern aus der Hand gelegt habe.

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Das E-Buch bei Thalia
Baxter Bücher, die ich empfehlen kann:
- Evolution
- Die Multiversum-Trilogie: Zeit, Raum, Ursprung
Stephen Baxter bei Wikipedia bzw. seine Homepage