Sonntag, 12. September 2010

Hitlers Edeljude – Brigitte Hamann

Pasteurisiert mit 4.5 von 5 Sternen. Ein irritierendes Stück Geschichte.

Dr. Eduard Bloch, ein Anfang des 20. Jahrhunderts in Linz praktizierender jüdischer Arzt, diagnostizierte bei Hitlers Mutter Krebs. Als Armenarzt pflegte er Hitlers Mutter bis zu ihrem Tode und lernte dabei Adolf und seine Geschwister kennen. In seiner Erinnerung ist A. Hitler ein braver, wohlerzogener Junge, der seine Mutter liebevoll umsorgt. Nach Klara Hitlers Tod hatte Dr. Bloch keinen weiteren Kontakt mehr mit A. Hitler - jedoch nach Einzug der Deutschen in Österreich (1938) mit dessen Schergen. Überraschenderweise erinnert sich Hitler an den alten Hausarzt, wohlwissend, dass Dr. Bloch ein Jude ist, gibt er den Linzer Schergen Anweisungen, ihn in Ruhe zu lassen (was nicht heisst, dass die Blochs ein leichtes Leben gehabt hätten). 1940 schaffen die mittlerweile alten Blochs die entbehrungsreiche und abenteuerliche Flucht in die USA.

EdeljudeBrigitte Hamann beschreibt in diesem Buch die Lebensgeschichte Dr. Blochs und seiner Familie und die damals herrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, wie z.B. den österreichischen Faschismus unter Dollfuss, die Wirtschaftskrise nach dem 1. Weltkrieg, die Österreich stark beutelte. Sie erzählt vom aufkommenden illegalen Nationalsozialismus, Hitlers von vielen Österreichern bejubelten Einmarsch und dem immer schlimmer werdenden Rassenhass in Österreich, schon Jahre vor Hitler. Kann es sein, dass Österreich etwa 18% der Bevölkerung des Dritten Reichs gestellt hat, aber etwa 40% des Personals der Vernichtungslager?

Dr. Bloch hat, obwohl Augenzeuge vieler nazistischer, unmenschlicher Grausamkeiten, nie verleugnet, dass Hitler in seiner Jugend noch keine Anzeichen des späteren Psychopathen gezeigt hat. Das ist mir ehrlich gesagt ganz schön aufgestossen und hat teilweise die Lust am Lesen verdorben. Wie kann jemand, der sein halbes Leben stark unter den Repressalien seines Umfeldes litt, auf diese Chance auf Genugtuung verzichten? Zeigen sich auch hier wieder die hohen moralischen Werte des wahrheitsliebenden Dr. Blochs? Oder hilft uns dieses Festhalten an seiner Erinnerung beim Verständnis, dass man tatsächlich Psychopathen kaum vorzeitig erkennen kann? Egal wie, Dr. Bloch muss hohe moralische Werte besessen haben und war in seinem Werken und Tun ein bewundernswerter Mensch.

Im vorletzten Abschnitt des Buches “Bloch und die Psychohistorie” hat Brigitte Hamann noch einen echten Knaller parat.

Bei diesem Buch habe ich viel gelernt, da mir der Austrofaschismus, Hitlers Einmarsch und die ständige Judenverfolgung dort völlig unbekannt waren. Ich habe Szenen aus dem Leben eines interessanten Linzer Armenarztes kennenlernen dürfen und einige neue Ideen mitgenommen. 
Einen halben Punkt Abzug gebe ich dem Buch, weil mir an manchen Stellen üble Gefühle aufkamen, was die politische Intention der Autorin betrifft. Vermutlich hat es sich dabei lediglich um schwache Formulierungen gehandelt, da ich B. Hamann nichts unterstellen will und mir klar ist, dass Dr. Blochs “Loyalität gegenüber dem Kinde Hitler” zu Fehlinterpretationen geradezu einlädt (siehe auch Binion). Wer sich auf solch ein Thema einlässt, wird automatisch ins Schussfeld geraten.

Links:
Das Buch und weitere Rezensionen bei Amazon
Wikipedia Eintrag zu Dr. Bloch
Die Autorin bei Wikipedia
Projekte zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Linz
Wikpedia zum austrofaschistischen Diktator Dollfuss

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