Freitag, 28. Januar 2011

Machiavelli – Ross King

Pasteurisiert mit 5 von 5 Sternen. Die Biographie des Menschen, der die Macht analysierte.

Machiavelli

Ross King erzählt lebendige Geschichte. Spannend und kompetent schreibt er aus dem Leben Niccolò Machiavellis, der als Diplomat unterwegs, als vermeintlicher Verschwörer eingekerkert und gefoltert und als Autor frivoler Theaterstücke und umstrittener Texte, i.e. Il Principe (Der Fürst), weltberühmt/berüchtigt wurde.Ross_King

In der Zeit Machiavellis Aktivitäten 1498 – 1527 gab es in Italien pausenlos Kriege und Fehden. Die Herrscher waren gnadenlos, die Kirche korrupt, die Methoden brutal, die Gier unendlich… naja, fast so wie heute, oder? Ein Diplomat hatte es da schon nicht leicht. Die langen Wege von seiner Heimatstadt Florenz nach Frankreich oder innerhalb Italiens mussten auf dem Pferderücken zurückgelegt werden. niccolo-machiavelli-0708-lg-75217122Machiavelli erlebte allein vier Päpste (Alexander VI. Borgia, Julius II. der Blutsäufer und Gründer der Schweizergarde, Leo X. Medici, Clemens VII. Medici), arbeitete zusammen mit Leonardo da Vinci und war ansonsten ein ganz schöner Herumtreiber.

In diesem Buch erfährt man viel über die düsteren Zeiten Italiens, die Entstehung Machiavelli’s Schrifttums, seine Motivation und den Kampf gegen Fortunas Fallen… und als kleine Zugabe erfährt man, dass auch heute viele herrschsüchtige Menschen ihren “Machiavelli” (die Anleitung zum grausamen Herrschen) auf der Nachttisch bereitliegen haben.

Links
das Buch bei Amazon
der Autor und Niccolò Machiavelli bei Wikipedia
Mehr Informationen zu Machiavelli
zum obigen Autorenfoto (rechts) und zum Bild des jüngeren Machiavellis (links)

Sonntag, 23. Januar 2011

Solar – Ian McEwan

…ein Hörbuch, vorgelesen von Burghart Klaussner

Pasteurisiert mit 5 von 5 Sternen. Der Protagonist, ein Naturwissenschaftler par excellence; eine authentische Charakterisierung *lol*.

SolarIch lach’ mich halb schlapp. Der Protagonist, Physik-Nobelpreisträger Michael Beard, ist der Naturwissenschaftler schlechthin. Das Buch ist eine bissige Satire über die Verwicklungen von Privatleben, Sozialkompetenz und Berufsleben eines erfundenen, berühmt-berüchtigten Physikers. Ob er nun seine fünfte Ehe zerstört, in der Arktis seinem Harndrang nachgeht, Zeuge eines tödlichen Unfalls wird, Chips in der Bahn mit einem Unbekannten teilt oder Fressorgien zelebriert, er bleibt ein übler Typ, dem man aber fast nicht böse sein kann. Die ganze Story hat mich mehrfach zum lautem Lachen gebracht… etwas peinlich, IanMcEwanwenn man alleine mit dem Hund am Waldrand spaziert. Ja nun, oft genug musste ich mich sogar mit diesem Heini identifizieren, was mich noch mehr zum Grinsen verleitet hat. Der Showdown in New Mexico ist dann letztendlich ein konsequenter Abschluss, auf den die Geschichte stetig zusteuert.

Eine gelungene Lektüre, nicht zu schwer, dennoch vielseitig. Ein grossartiger Spass beim Abendspaziergang mit dem Hund.

Links
das Hörbuch bei Audible und das Buch bei Amazon
Link zum Autorenfoto oben
Hörbücher vom Sprecher B. Klaussner

Sonntag, 16. Januar 2011

Nach dir die Sintflut – Andrew Kaufman

Pasteurisiert mit 5 von 5 Sternen. Eine neue Leseerfahrung!

Andrew Kaufman beginnt seine Geschichte mit einem Knoten, von dem aus die Handlungsfäden auseinandergehen und neue hinzukommen. Am Ende treffen alle Fäden wieder aufeinander. NachDirDieSintflut
Unglaublich, wie Andrew es schafft so viele Bilder in meinem Kopf entstehen zu lassen. Ganz nebelig kann ich ab Mitte des Buches den weiteren Verlauf erahnen. Ich beschleunige mein Lesetempo, weil ich es nicht mehr erwarten kann mehr zu erfahren. Fesselnd steuert alles auf den showdown hin, der dann alle meine hohen Erwartungen erfüllt.

Das Buch entwickelt ein unwahrscheinliches Tempo. Die Welt um die Protagonisten herum ist irgendwo zwischen real und surreal, bleibt aber irgendwie authentisch, obwohl das gar nicht sein kann. Die Charaktere in diesem Buch sind interessant, liebenswert und haben doch so viele Schwächen. Gefühle werden in Kartons verpackt. Gott blendet den Nichtsehenden, bis er wieder sieht. Die zerstrittenen Regenmacher übertreiben. Die Aquatikerin strandet auf dem Trockenen.

So viele verrückte Ideen und jede bewegt. Wenn man sich einmal auf die Fantasie des Autors eingelassen hat, lässt die Geschichte einen nicht mehr los.
Dieses Buch wird einen ganz besonderen Platz in meiner Bibliothek erhalten. Ich hoffe, dass Andrew noch viele Bücher schreiben wird.

Links
Das Buch bei Amazon
A short story from the Author
Authors home page
In diesem Blog “Alle meine Freunde sind Superhelden” vom gleichen Autor
Rezension bei nahaufnahmen.ch

Sonntag, 9. Januar 2011

Alle meine Freunde sind Superhelden – Andrew Kaufman

Pasteurisiert mit 5 von 5 Sternen. Mein Buch des Jahres 2011…bisher.

Buchdeckel

So im Vorübergehen habe ich das Buch gesehen und probeweise mal den Buchdeckel gelesen. Da kann man wohl nicht viel falsch machen, habe ich so bei mir gedacht.

Mann, das Buch ist einfach super! Absolut ungewöhnlich und einzigartig. Eine Liebesgeschichte von einer ganz besonderen Art… und nein, es ist kein Frauenroman.

Andrew KaufmanVerrückt, fantastisch, viel Raum zum Sinnieren, tiefgründig… und wir alle kennen diese Superhelden, die diese Geschichte bevölkern und uns jeden Tag über den Weg laufen. Jetzt weiss ich, dass die vielen besonderen Menschen um mich herum alle Superhelden sind. Diese Entdeckung wird mich lange nicht loslassen.

Links
Das Buch bei Amazon
Link zum Foto des Autors

Samstag, 8. Januar 2011

Alles auf Anfang – David Benioff

Pasteurisiert mit 4 von 5 Sternen. Manchmal grausam, manchmal merkwürdig, aber immer berührend.

AllesAufAnfang Auch David Benioffs Roman “Stadt der Diebe” hat mich im Herbst 2009 sehr beeindruckt. Die Kurzgeschichten in “Alles auf Anfang” sind nicht vergleichbar stark, aber auf jeden Fall eine tolle Erfahrung. Vielleicht am faszinierendsten ist die letzte Kurzgeschichte “Merde bringt Glück”, die zu Beginn sehr befremdlich war, dann ins Skurrile wanderte und am Ende zum Schocker wurde, bis sich der Knoten am Schluss auflöste. Uff, sehr beeindruckender Verlauf. Die Geschichte “Zersetzung” ist ebenfalls ein toller Einfall, bei dem ich speziell das offene Ende so liebe.

David_BenioffIch lese gerne Kurzgeschichten, weil die Autoren dort gezwungen sind, sehr effizient die Charaktere darzustellen, die Handlung auf die wesentlichen Aussagen zu beschränken, ohne dabei flach zu werden. Oft finde ich hier kleine Meisterwerke.  Nun sind bei “Alles auf Anfang” nicht alle Geschichten genial und so habe ich das eBuch auch schon mal für mehrere Wochen aus der Hand gelegt… bis ich dann “Das Zwinkern des Löwen” und “Barfuss im Klee” endlich geschafft hatte. Der Rest war dann, wie auch der Anfang wieder fesselnd.

Links:
Das Buch bei Amazon bzw. das eBuch bei Thalia
Der Autor bei Wikipedia und in der Filmdatenbank IMDb
Link zum obigen Foto des Autors

Freitag, 7. Januar 2011

Die Enden der Welt – Roger Willemsen

Pasteurisiert mit 4.5 von 5 Sternen. Erzählungen eines Reisenden, nicht zu verwechseln mit denen eines Touristen.

Rätselhaft bleibt in Willemsens Buch der Anlass seiner Reisen. Er reist für längere Zeiträume an Orte in der Welt, die in der Regel EndenDerWelt.jpgnicht einfach zu erreichen sind und nicht unbedingt zum üblichen Touristenprogramm gehören. Warum gerade dorthin? Diese Frage stellte ich mir beim Lesen immer wieder.

Willemsens Landschaftsbeschreibungen sind zum Teil sehr schwülstig. Wenige Sätze später beschreibt Willemsen jedoch das, was ein Tourist nicht sieht, weil er es entweder nicht sehen will oder nicht ausreichend Zeit für das Detail hat. Nicht so Willemsen. Anfangs wunderte ich mich, dass er Orte besucht und dann viel Aufmerksamkeit der Hässlichkeit der Details widmet. Das Bild rundet sich jedoch ab und wird zu einem Ganzen.

Besonders gefallen haben mir die Passagen, in denen er Kontakte mit Menschen beschreibt. Wie einsam wäre sonst das Reisen, wenn man dort niemanden Treffen würde.

Meine eigenen längeren Reisen an die Enden der Welt (jedoch andere) haben zu ähnlichen Beobachtungen und Einsichten geführt, wie Roger Willemsen sie erzählt. So habe ich viele Wiedererkennungsmomente in diesem Buch erlebt.

RogerWillemsen.JPGDieses Buch ist nicht für romantische Touristen, die schöne Bilder für ihr Fotoalbum suchen. Es ist auch nicht für “Ökos” oder Weltverbesserer, die hier vielleicht Bestätigungen ihrer Weltsicht suchen. Das Buch ist jedoch geeignet für den Geschäftsreisenden, der mehr unfreiwillig an einem Ende der Welt landet. Die Reisemotive des abgeklärten, fernwehkranken Willemsen bleiben mir (bis auf einmal im Kongo) unklar.

Links
Das Buch bei Amazon (…übrigens kaufe ich die Bücher in der Regel bei Thalia, jedoch findet man weitere Rezensionen eher bei Amazon, deshalb verlinke ich immer dorthin)
Über den Autor bei Wikipedia
Quelle des Autorenfotos (eines der wenigen im Netz, wo er nicht die Unterlippe zum “sch” aufwölbt)

Dienstag, 4. Januar 2011

Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern - Michaela Vieser

Pasteurisiert mit 4.5 von 5 Sternen. Berufe aus vergangenen Zeiten geben einen Einblick in das Leben unserer Vorfahren.

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Unter lebendiger Geschichte verstehe ich genau diese Art von Büchern, wie Michaela Vieser sie schreibt und Irmela Schautz illustriert. Hier und da eine Jahreszahl zur Orientierung ist in Ordnung, ansonsten wird erzählt; über das Leben der Menschen, deren Glaube/Aberglaube, ihre Bedürfnisse und Ängste, über Berufe die für die damalige Gesellschaft nötig waren oder ein akzeptables Einkommen ermöglichten.

Was macht der Sandmann? Wofür braucht ein Haushalt feinen Sand? Der Scharfrichter hat nicht nur Leben und Gesundheit genommen. Was bitte schön ist denn ein Fischbeinreisser? Ja, sogar positive Worte über die Wanderprediger lassen sich finden.

In diesem Buch habe ich viele kleine Aha-Erlebnisse gehabt und Interessantes dazugelernt.
Ergänzend dazu gibt es viele, viele Webseiten und Bücher. Beim Stöbern im Internet bin ich über eine interessante Quelle gestolpert, nämlich die “Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft” (dies ist der Titel einer der umfangreichsten Enzyklopädien des deutschen Sprachraums).

Das von J. G. Krünitz begründete Werk erschien 1773 bis 1858 in 242 Bänden und stellt eine der wichtigsten deutschsprachigen wissenschaftsgeschichtlichen Quellen für die Zeit des Wandels zur Industriegesellschaft dar.

Damit fällt die Enzyklopädie in den geschichtlichen Zeitraum, aus dem in Frau Vieser und Frau Schautz Buch hauptsächlich erzählt wird.
Eine feine und amüsante Lektüre für kalte Winterabende.

Links
Das Buch bei Amazon
Ökonomische Enzyklopädie von Johann G. Krünitz